Gehirnerschütterungsprävention durch HWS-Stabilisierung

Einem adäquaten Krafttraining der Hals-/Nackenmuskulatur wird eine präventive Wirkung als spezifischer modifizierbarer Faktor zuerkannt, um die Wahrscheinlichkeit einer Gehirnerschütterung, gerade bei Kontaktsportarten, zu verringern [2, 4-6, 10, 14].
Dadurch, dass stärkere Muskeln höhere isometrische Spannungsspitzen bei schneller Kraftentwicklung erzeugen [1], scheint ein höherer Bewegungswiderstand der Kopf-Hals-Region gegen von außen einwirkende Kräfte potentiell das Risiko für Gehirnerschütterungen senken zu können [2, 5].

Damit könnte einem adäquaten Training der Halswirbelsäulenmuskulatur eine erhebliche präventive Bedeutung zukommen [7], insbesondere in Bezug auf Häufigkeit und Schwere einer Gehirnerschütterung.

Einfluss der HWS-Muskulatur auf die Häufigkeit von Gehirnerschütterungen

Ziel eines muskulären Training ist es, nicht hohe isometrische Kraftspitzen zu erreichen, da in bisherigen prospektiven Analysen im realen Sport die gemessenen isometrischen Kraftspitzenwerte der Halsmuskulatur nicht zu einer Abschwächung der Kopfkinematik führten und auch nicht das einwirkende Kraftmoment am Kopf reduzierten [11, 12]. Dagegen wurde im experimentellen Ansatz mit definierten Krafteinwirkungen bei hohen isometrischen Kraftspitzen eine Reduktion der Kopfkinematik beobachtet [6, 8-10, 13]. Dies war v.a. in sagittaler Kopfrichtung ausgeprägt [6].

Demgegenüber zeigte sich aber, dass die gemessene isometrische Gesamtstärke der Muskulatur ein signifikanter Prädiktor für die Gehirnerschütterungsinzidenz war [4].

Eine Analyse im High-School-Bereich zeigte, dass mit jeder 500g Stärkung der gesamten HWS-Muskulatur die Wahrscheinlichkeit einer Gehirnerschütterung um 5 % gesenkt werden konnte [4].

Effektivität von Trainingskonzepten zur Stärkung der HWS-Muskulatur

Trainingsprogramme zur Widerstandsstärkung der HWS-Muskulatur zeigten mittlere Effekte für isotonische sowie elastische und stärkere Effekte für isometrische Muskelaufbau-Übungen (Übersicht in: [7]).

Trotzdem kann anhand der derseitigen wissenschaftlichen Datenlage keine Empfehlung ausgesprochen werden, nach der ein Widerstandstraining der HWS-Muskulatur Gehirnerschütterungen vermeiden hilft.

Trotzdem sollten Krafttrainingsprogramme, die kurzfristig eine zunehmende Verbesserung der isometrischen Kraftentwicklung ermöglichen, als wichtiger Bestandteil der Risikominimierung einer Gehirnerschütterung angesehen werden. Eine isometrische Stärkung der Muskulatur durch ballistischen Kraftaufbau (maximale Muskelaktivierung durch explosive Muskelkontraktionen zur schnellen Krafterzeugung) sollten in die Präventionsstrategie integriert werden, um die isometrische Reaktion der HWS-Muskulatur zu erhöhen und damit deren Latenzzeit zu verkürzen [7].

Letztlich besteht jedoch noch kein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Kraft der Halsmuskulatur und einer Verringerung der Inzidenz von Gehirnerschütterungen bei Kopfbeschleunigung. Dies erklärt sich u.a. dadurch, dass anstelle von dynamischer Kraftentwicklung bisher nur statisch-isometrische Kräfte verglichen wurden [3].


© Dr. Axel Gänsslen und ZNS - Hannelore Kohl Stiftung.
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rbb Praxis, 28.03.18: Gehirnerschütterung im Sport
Im Oktober 2016 fand in Berlin die 5. Internationale Konsensuskonferenz zur Gehirnerschütterung im Sport statt.


Dr. Thomas de Maizière, MdB
Bundesminister des Innern a.D.


Nach dem Sportunfall
ist vor der Heilung



Expertise zum „Umgang mit Schädelhirnverletzungen im deutschen Spitzensport“

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