Hormonelle Störungen (hypophysäre Dysfunktionen) nach Schädelhirntrauma (SHT) und Gehirnerschütterung

Das Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) ist in der Schädelbasis in einer kleinen Knochenhöhle, der Sella turcica, eingebettet. Sie besteht aus einem Vorderlappen und einem Hinterlappen. Im Vorderlappen werden die Hormone Adrenokortikotropes Hormon (ACTH), Wachstumshormon (GH), Thyreoidastimulierendes Hormon (TSH), Luteinisierendes Hormon (LH), Follikelstimulierendes Hormon (FSH) und Prolactin gebildet, während im Hinterlappen die Hormone Antidiuretisches Hormon (ADH, Vasopressin) und Oxytozin gespeichert werden. Die Hormone der Hypophyse sind u.a. für die normale Fortpflanzung und die kognitive, soziale und emotionale Reifung von wesentlicher Bedeutung.

Im Rahmen eines SHT jeglicher Schwere kann es zu Schädigungen im Hypophysenbereich kommen [4, 8, 10, 14, 16]. Letztlich besteht die Gefahr eine Hormoninsuffizienz mit folgenden möglichen hormon-abhängigen Folgen [10, 23]:
  • GH: u.a. Reduktion der Muskelmasse, erhöhte abdominale Fetteinlagerung, Einschränkung von Leistungsfähigkeit, Konzentration und Lebensqualität, Minderwuchs im Kindesalter
  • LH, FSH: u.a. depressive Stimmung, Libido- und Potenzminderung
  • TSH: u.a. Kälteintoleranz, Frieren, trockene, raue Haut, Gewichtszunahme, Depressionen, Müdigkeit, Lethargie, Apathie, Bradykardie
  • ACTH: u.a. Schwäche, Depressionen, Angst, Müdigkeit, Apathie, Gewichtsverlust

Nach einer Gehirnerschütterung sollte im Rahmen einer länger andauernden Symptomatik (Post-Concussion Syndrom (PCS)) bei Vorliegen folgender Symptome auch an eine hormonelle Ursache gedacht werden:
  • depressive Symptome
  • Müdigkeit (Fatigue)
  • Lethargie und Apathie
  • Angstsymptomatik
  • Einschränkung der Leistungsfähigkeit
  • Konzentrationsstörungen

Eine endokrinologische Abklärung und Behandlung sollte im Einzelfall in Erwägung gezogen werden [1, 4, 9, 10, 14, 16, 18, 21, 23].

Hypophysendysfunktionen sind nach SHT aller Schweregrade nicht selten und es ist mit 28 % bis 69 % Hormoninsuffizienzen, auch bei Kindern, zu rechnen [1-3, 5, 6, 11, 12, 17, 20, 21]. Allgemein ist akut mit einer Dysfunktion in 30 % und einer Häufigkeit von 20 % im ersten Jahr zu rechnen [24].
Einschränkungen der Wachstumshormonwerte kommen dabei am häufigsten vor, erholen sich aber auch am häufigsten [24]. Kinder, v.a. Jungen, weisen nach leichtem bis mittelschwerem SHT in bis zu 42 % signifikant niedrigere Wachstumshormonwerte auf. Aber auch die anderen Hormoninsuffizienzen können posttraumatisch über einen längeren Zeitraum vorkommen [20, 22]. Inwieweit nach einer Gehirnerschütterung relevante Hormoninsuffizienzen auftreten können, ist noch nicht abschließend bewertbar. Insgesamt scheinen diese Effekte jedoch schwere-unabhängig zu sein [7, 9, 13, 20], wobei auch Hinweise auf eine SHT-Schwere-Abhängigkeit bestehen [15, 19, 25]

Zusatzinformation für Patienten:


rbb Praxis, 28.03.18: Gehirnerschütterung im Sport
Im Oktober 2016 fand in Berlin die 5. Internationale Konsensuskonferenz zur Gehirnerschütterung im Sport statt.


Dr. Thomas de Maizière, MdB
Bundesminister des Innern a.D.


Nach dem Sportunfall
ist vor der Heilung



Expertise zum „Umgang mit Schädelhirnverletzungen im deutschen Spitzensport“

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