Second Impact Syndrom

Es ist allgemein bekannt, dass nach Erleiden einer Gehirnerschütterung ein erhöhtes Risiko besteht kurzfristig eine weitere Gehirnerschütterung zu erleiden. Es wird vermutet, das weitere Gehirnerschütterungen im schlimmsten Fall zum sogenannten „Second Impact Syndrom“ mit möglicher maligner Hirnschwellung führen können.

Allgemein wird zwischen dem sogenannten „malignen Hirn-Schwellungs-Syndrom“ und dem „Second Impact Syndrom“ unterschieden.

Das „maligne Hirn-Schwellungs-Syndrom“ wird nach einem primären leichten Schädelhirntrauma (SHT) fast ausschließlich bei Kindern und Jugendlichen beobachtet und ist möglicherweise durch den Verlust der zerebralen Autoregulation mit nachfolgender intrakranieller Druckerhöhung verursacht [12]. Als Konsequenz können Hirnstammeinklemmungen, Koma und sogar der Tod eintreten [7, 8].

Das „Second Impact Syndrom“ kann dagegen entstehen, wenn die Symptome einer ersten Gehirnerschütterung noch nicht vollständig abgeklungen sind und eine weitere, zweite Gehirnerschütterung eintritt [4, 7, 9]. Es wurde bei Sportlern im Alter zwischen 16 bis 23 Jahren gesehen, die im Rahmen der Zweitverletzung keinen Bewusstseinsverlust aufwiesen [11].

Klinisch werden verstärkte, teils dramatische Symptome beschrieben, die erhebliche Einschränkungen bis zum Tod bedingen können [2, 4]. Der Patient kann primär eher benommen sein und muss nicht bewusstlos sein, kann noch selbstständig gehen, bis er sich schnell klinisch verschlechtert. Im weiteren Verlauf kann es zu verstärkten Bewusstseinseinschränkungen bis zur Bewusstlosigkeit und zum Koma kommen, die Pupillen weiten sich und es kann eine respiratorische Insuffizienz bis zur Beatmungspflichtigkeit eintreten. Die akute Bildgebung zeigt häufig eine massive Hirnschwellung, die mit einer verstärkten Vulnerabilität des Gehirn in der Phase des Zweittraumas erklärt wird, als Ergebnis einer ungeordneten Autoregulation der zerebralen Blutversorgung mit resultierenden erhöhtem intrakraniellen Druck [1, 5]. Letalitätsraten bis 50 % und bleibende Schäden in bis zu 100 % wurden angegeben [3].

Tierexperimentell konnte gezeigt werden, dass die größte Gefahr für Folgen einer zweiten Gehirnerschütterung etwa um den dritten Tag nach primärer Gehirnerschütterung besteht [13, 15]. In den Nervenzellen kann dann die Funktion der Mitochondrien eingeschränkt sein [15] und durch einen vermehrten oxidativen und nitrat-abhängigen Stress der Zellen können weitere Schäden auftreten [13]. Diese metabolischen Veränderungen konnten klinisch bei Sportlern mit leichtem SHT mittels MR-Spektroskopie bestätigt werden [14]. Die Erholung erfolgte initial abgestuft langsam, ab dem 15. Tag nach Trauma fand sie schneller statt. Nach 30 Tagen zeigte die MR-Spektroskopie eine komplette Erholung. Subjektiv lagen bereits nach 3 bis 15 Tagen keine Symptome mehr vor.

Entsprechend wird das Second Impact Syndrome (SIS) immer wieder als Hoch-Risiko-Folge einer Gehirnerschütterung erwähnt.

Es handelt sich dabei aber um eine eher hypothetische Komplikation bzw. Diagnose, da keine ausreichenden Daten zu diesem Syndrom vorliegen. Im Konsensus Statement zur Gehirnerschütterung ist das SIS nicht erwähnt [10]. Auch in der WHO ist zwar die Gehirnerschütterung und das sogenannte Post-Concussion Syndrom (PCS) mit Codes hinterlegt, das SIS jedoch nicht [16, 17]. McCrory et al. analysierten 17 mögliche Fälle und fanden in 13 Fällen katastrophale Hirnverletzungen mit unerklärlicher Hirnschwellung, ohne dass ein typisches Zweittrauma vorlag [8, 9]. In einer aktuellen Literaturanalyse wurden 41 mögliche Fälle im Adoleszenten- und jungen Erwachsenenalter analysiert [6]. Letztlich wird nur ein einziger Fall als mögliches SIS berichtet.


© Dr. Axel Gänsslen und ZNS - Hannelore Kohl Stiftung.
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rbb Praxis, 28.03.18: Gehirnerschütterung im Sport
Im Oktober 2016 fand in Berlin die 5. Internationale Konsensuskonferenz zur Gehirnerschütterung im Sport statt.


Dr. Thomas de Maizière, MdB
Bundesminister des Innern a.D.


Nach dem Sportunfall
ist vor der Heilung



Expertise zum „Umgang mit Schädelhirnverletzungen im deutschen Spitzensport“

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