Kommentar zum neunen SCAT-5 und zur neuen Taschenkarte von Dr. med. Axel Gänsslen

Im Oktober 2016 fand in Berlin die 5. Internationale Konsensuskonferenz zur Gehirnerschütterung im Sport statt.

Basierend auf den vorgestellten Literaturanalysen internationaler Experten wurden 2017 im British Journal of Sports Medicine neue Empfehlungen zum Umgang mit Patienten mit erlittener Gehirnerschütterung publiziert.

Neu wurden der sog. SCAT-5 für Erwachsene (älter als 12 Jahre) und für Kinder (5-12 Jahre) sowie die Variante 5 des sog. „Concussion Recognition Tool“ für Nicht-Mediziner zur unmittelbaren Beurteilung vorgestellt.
Im Vergleich zu den bisher vorliegenden Instrumenten SCAT-3 und Taschenkarte (Concussion Recognition Tool) Version 3 wurden bestimmte Änderungen eingepflegt.
  1. Sport Concussion Assessment Tool V5 (SCAT-5)
  2. Der SCAT-5 soll durch Ärzte bei Verdacht auf Vorliegen einer Gehirnerschütterung zur Anwendung kommen. Es wird explizit darauf hingewiesen, dass die Durchführung mindestens 10 Minuten in Anspruch nimmt.
    Der SCAT-5 beinhaltet eine Sofort- und Akut-Beurteilung, Indikationen für eine Notfallmanagement und beobachtbare Zeichen der möglichen Gehirnerschütterung.

    • die praktische Umsetzung wurde umfassender dargestellt (Art der subjektiven Symptomerfassung im Rahmen der Baseline und nach Trauma)
    • das Modul des Standardized Assessment of Concussion (SAC) wurde erweitert (Wort-Anzahl, Wortlisten, erweiterte Zahlenlisten) und der zeitliche Ablauf wurde modifiziert
    • eine orientierende neurologische Akut-Untersuchung wurde eingefügt
    • Modifikation und Empfehlung des Return-to-Play und Return-to-School

    Daneben wird explizit darauf hingewiesen, dass eine Wiederaufnahme der Sportfähigkeit ausschließlich ärztlich empfohlen erfolgen soll.

  3. Child Sport Concussion Assessment Tool V5 (cSCAT-5)
  4. Der cSCAT-5 soll durch Ärzte bei Verdacht auf Vorliegen einer Gehirnerschütterung bei 5-12-jährigen Kindern zur Anwendung kommen. Hier wurden die umfassendsten Änderungen eingebracht, was dem Umstand der Bedeutung der Gehirnerschütterung für die jungen Patienten während der Gehirnreifung Rechnung trägt:

    • die Durchführung nimmt mindestens 10-15 Minuten in Anspruch
    • die Maddocks Fragen und die Fragen zur allgemeinen Orientierung werden nicht mehr gestellt
    • eine „red-flag“-Box wurde bei potentiellem Risiko struktureller Hirnverletzungen integriert
    • Empfehlung zur Symptombewertung nur im Ruhezustand
    • Nackenschmerzen wurden in die Liste der subjektiven und von Eltern berichteten Symptomen integriert
    • eine subjektive und objektive (Eltern) Beurteilung des allgemeinen Befindens wurde integriert
    • ein subjektiver und objektiver (Eltern) Symptomschwere-Score wurde integriert
    • das Modul des Standardized Assessment of Concussion (SAC) wurde erweitert (Wort-Anzahl, Wortlisten, erweiterte Zahlenlisten) und der zeitliche Ablauf wurde modifiziert
    • als neues Modul wurde das sog. Rapid Neurological Screen (RNS) eingeführt, welches neben einer Balance und Ganganalyse, die Augen-Funktion, Koordination und die Lesefähigkeit (beurteilt kognitive Funktion, Hirnnerven [Schärfe, Diplopie], Dysphasie, Dysarthrie und Reaktionszeit) auch die Untersuchung der Halswirbelsäule und die Koordinationsprüfung beinhaltet; der Einbeinstand ist nur für Kinder im Alter von 10-12 Jahren vorgesehen
    • das Return-to-School wurde in eine schrittweise Integration modifiziert, abhängig von der kognitiven und symptombegrenzten Erholung
    • das Return-to-Play soll symptom-basiert unter professioneller Überwachung erfolgen

  5. Concussion Recognition Tool V5 (CRT5)
  6. Das CRT5 wurde etabliert, um nicht-medizinisch ausgebildete Personen beim Erkennen von Zeichen und Symptomen einer möglichen sportbezogenen Gehirnerschütterung zu unterstützen. Das CRT5 ist ein Hilfsmittel, um zu erkennen, wann ein Sportler nicht weiter Sport durchführen sollte und eine ärztliche Untersuchung sinnvoll ist.
    Inhaltlich finden sich im Vergleich zum vorbestehenden CRT3 nur geringe Änderungen. Im Einzelnen wurde auf Folgendes verstärkter Wert gelegt:

    • beim CRT5 handelt es sich nicht um ein Diagnose-Instrument, d.h. die Diagnose soll und kann nicht von Laien gestellt werden
    • es wird eindeutig betont, dass jeder Athlet mit Verdacht auf Gehirnerschütterung sofort aus dem Spiel genommen werden sollte und zwingend ärztlich angesehen werden sollte
    • es wurden zu den bereits im CRT3 beschriebenen zusätzliche WARNZEICHEN eingeführt, die auf ein relevantes Schädel-Hirn-Trauma oder eine entsprechende Verletzung der Halswirbelsäule hindeuten können und es wurde eindeutig formuliert, dass bei Vorliegen von WARNZEICHEN der Rettungsdienst gerufen werden soll und eine ärztliche Beurteilung des Sportlers erfolgen soll; ein Sportler mit vorliegenden WARNZEICHEN muss aus dem Spiel genommen werden!
    • die aufgeführten Zeichen und Symptome einer Gehirnerschütterung wurden an die im SCAT5 dargestellten angeglichen und zum besseren Verständnis in somatische kognitive und emotionale Symptome unterteilt
    • es werden etwas klarer akute Handlungsempfehlungen angegeben

Zusammenfassend sind viele Dinge in die neuen Konzepte integriert worden, v.a. um an bestimmten Stellen, klarere Empfehlungen zur erhalten.

Es wurde versucht, den aktuell vorhandenen, umfassenden Informationen rund um die Gehirnerschütterung, Rechnung zu tragen.

Letztlich muss zum gegenwärtigen Zeitpunkt empfohlen werden, dass mit der vorhanden Taschenkarte und der App „GET“ ausreichend Material für die Breite zur Verfügung steht.

Eine detaillierte Analyse aller Sportler mittels SCAT-5 bzw. cSCAT-5 bleibt in der Verantwortung der behandelnden Ärzte. Hier sind die in Deutschland etablierten Leitlinien in ihrer bisherigen Form zu berücksichtigen.

Wichtig ist die Herausarbeitung insbesondere der kognitiven Folgen nach Gehirnerschütterung. Diese sollten zukünftig vermehrt in den Fokus des Interesses geraten. Die SCAT-Evaluation bietet diesbezüglich ein akzeptables Zusatz-Instrument.


rbb Praxis, 28.03.18: Gehirnerschütterung im Sport
Im Oktober 2016 fand in Berlin die 5. Internationale Konsensuskonferenz zur Gehirnerschütterung im Sport statt.


Dr. Thomas de Maizière, MdB
Bundesminister des Innern a.D.


Nach dem Sportunfall
ist vor der Heilung



Expertise zum „Umgang mit Schädelhirnverletzungen im deutschen Spitzensport“

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